Montag, 6. Mai 2013

Perth V - ora et labora

Anm. d. Red.: Der Autor dieses online Druckwerks ist etwas in Verzug geraten um tagesaktuell und zeitnah von den Geschehnissen zu berichten. So wurde zwar seitens der Redaktion viel recherchiert, jedoch ist die Pressekrise auch an dem Autor nicht spurlos vorueber gegangen, so dass das gespannte Publikum bald auf einen Peter Zwegat Zweiteiler "Raus aus den Schulden - Down Under" hoffen kann. Geldspenden werden bitte an folgende Kontodaten...naja, iht wisst schon...      

(Dieser Artikel ist schon seit vier Monaten als halbroher Entwurf gespeichert - deshalb sind Umlaute jetzt nicht mehr komplett verfuegbar...)


Wer feiern kann, kann auch Arbeiten. Diesen – ja, meinen persönlichen….Moment, falscher Artikel…ach nee, diesmal geht es ja wirklich ums Arbeiten!

Also kaum in Perth angekommen bekommt man schon in der ersten Woche ein schlechtes Gewissen, wenn man die Ausgaben für Kost (Zigaretten und Alkohol)  & Logis denen der Einnahmen gegenüber stellt. Trotz der verpflichtenden 5000 Dollar, die man bei der Einreise vorweisen muss - was in der Realität aber keinen interessiert, nicht mal die Bio Security - beschleicht einen schon sehr schnell das Gefühl, die Heimreise aufgrund von totaler Privatinsolvenz innerhalb der nächsten 12 Tage wieder antreten zu müssen. Das schöne an diesem Gefühl ist, dass es durch die Äußerungen und Ängste der Anderen gleich noch einmal um das tausendfache potenziert wird. So hockt man die erste Woche im Hostel und möchte schon am Freitag die Hand zum Offenbarungseid heben, weil ja alles so teuer ist und man selber schon fast pleite scheint. Ganz so schlimm ist es nicht, aber der Mensch lebt nicht nur von Luft und Liebe.

Von purer Existenzangst getrieben (und in der Realität gerade mal um die 400 Dollar ärmer) begibt man sich in der zweiten Woche auf Jobsuche. Zuerst verfasst man ein Resume - einen kurzer Lebenslauf in englischer Sprache - um sich für potentielle Arbeitgeber interessant zu machen. Dann verzweifelt man, fängt an zu saufen und die ganze Sache geht wieder von vorne los. Also meldet man sich bei HAYS an und erstellt ein Linkedin-Profil (das bis heute noch brach liegt) um die ausweglose Situation noch weiter zu verschärfen."Alle bekommen einen Job, nur ich nicht!" und das denken alle, womit wir wieder bei der Gruppendynamik angekommen wären -  auch ohne Alkohol. 

Nun lernt man Leute kennen und der eine hatte eine Nummer von Paul. Paul war ein Supervisor, der in seinen Dienstzeit gerne Backpacker sehr preisgünstig versklavt, um von diesen Zelte auf- und abbauen und LKWs  (australischer Fachterminus: HR-Truck) mit tonnenschwerem Krempel be-und entladen zu lassen. So versuchte dieser Kumpel diesen Paul mehrmals zu erreichen und wurde immer wieder vetröstet. Irgendwann zum Ende der zweiten Woche gab es dann doch die Möglichkeit, beim Gutsherren vorstellig zu werden und 4 Deutsche - darunter auch ich - machten sich per Bahn dahin. So fanden wir uns in einer Lagerhalle wieder und ich machte mein Kreuz ein weniger breiter, als es tatsächlich war, um körperliche Präsenz und Stärke zu demonstrieren.  Nach ein bisschen Small Talk - wir kamen auf Empfehlung - unterschrieben wir die standardisierten Arbeitsverträge und Paul versprach uns in den nächsten Tagen Arbeit. 

Dieses "tomorrow" oder "soon" sind Lieblingswörter der australischen Arbeitgeber Backpackern gegenüber und wenn man nicht am Ball bleibt, dann hilft auch kein Beten mehr.

Nun gingen die Tage ins Land und alle waren irgendwie schlecht drauf, weil es keine Arbeit gab. So haben wir uns zusammen getan und einer Deutschen angeschlossen, die bald drauf in der Nähe von Perth bei einer Firma arbeitet wird, die von den Bauern den Weizen aufkauft. Sie hatte dort eine Stelle als Prüferin gefunden. Sie muss also die Qualität der Lieferung feststellen und wird diese Position auch sehr "soon" antreten werden.

So hielten wir auf dem Weg Ausschau nach der ein oder anderen Farm. Nach ca. 45 Minuten wurden wir mit einem Auge auf ein Schild aufmerksam und voller Vorfreude auf den ersten Job bogen wir links ab. Der Terminus Farm wird im australischen sehr weit gefasst, das haben wir nach einem netten Gespraech mit der schmunzelnden Dame an der Rezeption und dem netten Aussenambiente schnell gemerkt. Uebernachtungen und Mahlzeiten waeren inklusive gewesen....allein an unseren "Qualifikationen" ist eine "Einstellung" gescheitert. Wir haetten aber auch so dankend abgelehnt.               


Nun machten wir uns nach unseren ersten Aussenerfahrungen von Down Under wieder auf den Heimweg. Im ueblichen Feierabendverkehr steckend fasste ich mir ein Herz und rief Paul noch einmal an , um nach moeglichen Jobs zu fragen. Ich stotterte mir einen ab - fraglich ist, ob Paul mich ueberhaupt verstanden hat - aber schlussendlich hatten wir alle fuer den naechsten Tag einen Job, den ersten - Juchu!

Wir waren gekleidet wie die Hampelmaenner. In Australien muss man als Arbeiter deutlich sichtbare Oberkoerperbekleidung, so genannte Hi-Vis, tragen. Diese gibt es im dezenten neon gelb oder neon orange und man waere wohl mit diesen vor zwanzig Jahren in der Berliner Technoszene ziemlich en vouge gewesen.  



Wir kamen auf dem uns bekannten Gelaende an und wurden in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Die ersten Arbeiten bestanden darin Bruce zu helfen. Ein Kerl, um die 50, der neben seinem klaren und deutlichem Englisch auch eine weitere Eigenart aufwies: Probleme mit dem Zwerchfell. Dies zwang ihn dazu seine Arbeitsanweisungen alle 30-47 Sekunden durch einen Mix aus Schluckauf und muerrischem Grunzen kurz zu unterbrechen, beziehungsweise dies nahtlos darin einzubauen. So lautet Bruce erste Arbeitsanweisung im feinsten Oxford Englisch an uns: 

"Njar..[Geraeusche, die einer Kreissaege aehneln]...[Schluckauf/Grunzen]....blabla ...F*cking C*nts...[Grunzen/Schluckauf]...[Der Schrei nach Liebe einer bruenftigen Seekuh]...blabla...[ein zaghaftes Doppelgrunzen], mates!" 

Wir verstanden sofort...und zwar nix. Wussten nun aber, dass Australier gerne auch mal fluchen und taten so, als ob wir wuessten was zu tun waere. Wir rauemten Stuehle von der einen Ecke in die andere und Bruce quittierte unsere Arbeit zufrieden mit einem dreifachen "Hipp, Hipp....Grunz, Grunz".  
Unseren ersten Arbeitsauftrag erledigt durften wir diese Stuehle dann von der anderen Ecke in einen LKW laden und mit diesem dann zum internationalen Golfturnier fahren und sie dort wieder entladen. In Western Australia scheint es einen TUEV wirklich nur in Ausnahmefaellen zu geben. Der Zustand des Trucks - und vor allem jener der zwei nicht aufgepumpten Innenreifen an der Hinterachse waren weitaus schlechter, als es die sportlich offene Schaltkulisse und das durchgerostete Fussblech vermuten liessen.


Der erste Arbeitstag ist vollbracht, 18 Dollar die Stunde standen uns zu. Andere verdienen weitaus mehr. 

Es ist schon interessant im Allgemeinen zu beobachten, wie die Gehaltsverteilung hier in Australien vonstatten geht. Muss in Deutschland jemand, der einen Bagger und LKW fahren kann oder gar ein Handwerk gelernt hat (Tischler, Schweißer, Heizungsbauer etc.) womöglich noch zum Amt gehen, um für die Grundversorgung seiner selbst, der Ehefrau (oder -Mann, je nach sexueller Orientierung) und der Kinder sorgen zu können, so ist es in Australien (allein schon rein körperlich) nicht möglich, letzere ausreichend zu produzieren , um das Gehalt, das eben diesen Leuten hier gezahlt wird, auch nur ansatzweise zum Schrumpfen zu bringen. Sobald du auf einer Baustelle im Outback oder in, um oder um einer Mine herum arbeitest, weißt du gar nicht mehr wohin mit deinem Geld. Mir fiele da schon was ein, so wie den meisten anderen hier auch. In diesem Sinne: Prost!       

1 Kommentar:

  1. Fein, fein, deine Blogs, halt aus dem richtigen Leben down under berichtet. Gefällt!

    Gruß aus Berlin
    Carlo

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