Mittwoch, 28. November 2012

Perth IV - In Sachen Kultur


Wer feiern kann, kann auch Arbeiten. Diesen – ja, meinen persönlichen - Leitsatz verfeinerte ich in Australien ein wenig: Wer keine Arbeit hat, muss auch mal feiern gehen! Nachdem ich meine ersten Bottle-Shop/Zigaretten-Erfahrungen gemacht hatte, musste ich - den interkulturellen Austausch fördernd - die Kneipen und Bar Szene in Perth genauer unter die Lupe nehmen.

Die Feierei im Hostel war bis 10 Uhr abends im Innenhof erlaubt. Dieser  war ein etwa 100m langer, ziemlich breiter und überdachter Gang mit vielen Tischen und Stühlen und wurde zu einer Seite vom Aufenthalts- und Küchengebäude flankiert, zu anderen Seite befand sich der Bau mit den Schlafsälen und Toiletten. Der Nachtmanager musste um halb elf dann auch die letzten Engländer des Gebietes verweisen, damit die arbeitende Bevölkerung ihre Nachtruhe fand. Wo nun hin mit dem Alkoholrausch und der Feierlaune?

Dafür wurde vom Besitzer natürlich vorgesorgt: es geht in „the shed“ (irrtümlich von vielen als „the chat“ abgetan). Ein ca. 30 qm großer, direkt an den Aufenthaltstrakt angrenzender, Wellblechschuppen mit alten Sofas, einer Holzbank samt Tisch (bestimmt von einem Rastplatz geklaut) und diversen Rücksitzbänken aus Vans, deren Besitzer aufgrund eines Matratzeneinbaus keinerlei Verwendung mehr für diese hatten und sie dem Hostel natürlich auch gerne zur Verfügung gestellt haben.

Hier traf ich mit den Iren zusammen und davon, dass Drogenkonsum und –Handel in Australien mit drakonischen Strafen belegt ist, war hier nichts zu spüren. Wer von Grünzeug abgeneigt war, der griff zu anderen Mittel. Rein chemischer Natur versteht sich. Nein nein, kein Koks, LSD oder sonstiges Zeug. Gott bewahre!

Hat man den Österreichern, vor mehr als 25 Jahren, für ihren mit Glykol gepanschten Wein die Hölle heiß gemacht, so kommt der Australier für seinen „Weißwein“ ungestraft davon. Das Teufelszeug heißt Goon, man bekommt es für um die 10 Dollar in einem 4 Literschlauch mit Zapfhahn und mutmaßlich war die ursprüngliche Bestimmung dessen, die Entfernung hartnäckiger Rotweinflecken aus weißen Velourteppichen. Der Kater und das unzulängliche Englisch meinerseits am nächsten Tag bei meinem ersten Jobinterview bestätigten diesen Eindruck.



Nichtsdestotrotz verlief mein erstes Club-Erlebnis in Down Under eher niederschmetternd. Voller (alkoholischer) Euphorie und mit meiner roten Basecap bewaffnet schlossen wir uns den besagten Engländern an und teilten uns ein Großraumtaxi zur Mustang Bar. In der Kraftdroschke wurde mir mitgeteilt, dass die Bar an sich ein Club sei und dass man mit Kappen keinen Einlass bekomme. Mit dem ganzen Bus englische Kinderlieder singend, gab ich meine Kappe der nun allseits bekannten kräftigen Engländerin  zu Aufbewahrung in deren Handtasche und „the wheels on the bus went round and round“ again.

Vor dem Laden angekommen, stellten wir uns in die Schlange und obwohl ich nicht mehr bis drei zählen konnte, war ich noch der Nüchternste von uns allen. Nach 10 Minuten Wartezeit kam unsere Gruppe dran und alle durften vor mir passieren. Nun war ich an der Reihe. Meinen deutschen Reisepass vorzeigend schien eigentlich alles klar – die Party geht weiter! Das sah der nette Security auch so. Er musterte mich mit einem netten Lächeln und akzeptierte den deutschen Reisepass wohlwollend, bevor seine Miene bei meinen Schuhen versteinerte. Was für Kappen auf dem Kopf gilt, gilt auch für die am anderen des Körpers. Meine Workboots – die wie normale Landrover oder Camel Stiefel aussahen - missfielen dem Mann in Schwarz und ich wurde höflich der Schlange verwiesen. Ein Umstand der für mich völlig neu war - nicht zuletzt aus Ermangelung an Arbeitsschuhen mit Stahlkappen in Deutschland. Hier bin als Backpacker, habe also nur meine Workboots und meine Joggingschuhe dabei und mit denen wäre ich auch nicht rein gekommen. So begleitete mich mein werter Freund Google Maps zurück ins Hostel und ich legte ein vorgezogenes und überteuertes Katerfrühstück an der Tankstelle ein.

Unverhofft kommt oft! So schlug es uns an einem Donnerstag in den Dean Club um ein BBQ for free abzugreifen. Ausdrücklich wollten wir einen ruhigen Abend machen, um fit zu sein für den Freitag – denn da sollte die eigentliche Party steigen. Um halb acht in der Schlange angekommen, hatte ich bedenken den Club überhaupt mit meinen Joggingschuhen betreten zu dürfen. In der Schlange wartend viel uns ein Österreicher auf, der uns mitteilte, dass es sein erster Abend hier in Perth sei und er von dem Gratis BBQ gehört habe.

Als Österreicher hat man es nicht nur in Europa schwer, nein auch in Australien muss man sehen wo man bleibt. Eine Working Holiday Regelung zwischen den beiden Ländern gibt es nicht, so dass der Kollege mit einem 90-tägigen Touristenvisum einreiste und auf „cash to hand“ Arbeit hoffte, um seinen Aufenthalt schwarz finanzieren zu können. Der Besagte Mann aus den Alpen sah so aus, als ob er frisch von der Couch kam. Jogginghose, lockeres Gammelshirt und Schuhe, die seinen Arbeitsmöglichkeiten Down Under so gar nicht glichen. Sie waren weiß – und das nicht von Natur aus, sondern wohl eher von Malerarbeiten die er steuer- und sozialversicherungsbefreit vornahm. Wenn er reinkommt, dann brauche ich wohl keine Bedenken zu haben. Ein weiterer Deutscher ließ uns einen Gutschein zukommen, so dass wir uns neben dem freien BBQ auch noch auf ein Gratisbier freuen durften – eins ist ok, dann aber husch husch nach Hause!

Wir passierten die Eingangskontrolle und der Gutschein brachte ein leuchtend neongelbes Band a la Mallorca und eine stylische orangene Hipster Brille mit sich. Damit bewaffnet holten wir uns das kühle Blonde (0,33) von der Theke ab, um uns daraufhin in die Schlange am Grill zu stellen. Schließlich hatten wir noch nichts gegessen und waren deshalb auch nur hier. Es kam, wie es kommen musste. Nach 10 Minuten Warten in der Schlange – in der mich eine Deutsche in vermeintlichen Aussie-Slang als einen Iren ausmachte – war der Ofen aus und der Grill leer. Wir hatten 20 vor neun und der Magen knurrte. 

Ein Deutscher, der vormals in unserem Hostel gastierte – und zufälligerweise aus Landau kam – brachte nun die Hiobsbotschaft: „Zwischen neun und zehn gibt es an der Bar Freibier!“. Den Hunger  vergessend harrten wir die restliche Zeit aus, um wenigstens mit einem weiteren Freibier den Kummer über das verpasste BBQ vergessen zu machen. Wie ihr euch denken könnt, blieb es dabei und wir gingen nach Hause…

Alternativer Verlauf: 60 Minuten später und um 3,3 Liter eiskaltem Bier reicher, war die Stimmung top, die Frequenz der Toilettenbesuche stieg rapide an und es gesellten sich noch weitere Leute aus dem Hostel hinzu. So gingen wir auf die Tanzfläche um das zu tun, was wir tun mussten: weiter trinken! Wir bestellten uns gegenseitig jugs (keine Titten [ugs.], sondern Krüge – doppelter Pint, 1136 ml, für knapp 13 $) und von der Qualität der darauffolgenden Tanzdarbietungen kann sich wohl jeder selbst ein Bild machen.



Die Mitternacht brach an und die „Sieben-Bier-sind-auch-ein-Schnitzel-Methode“ forderte ihren Tribut - wir hatten Hunger. So stürmten wir in den „Döner“-Laden um die Ecke, um uns einen 13 $ günstigen Dürumchen mit Gouda einzuverleiben. Flirtversuche bei der Pizzabäckerin nebenan verliefen im nichts, so dass uns das Stück Pizza trotzdem 5 Dollar kostete. Nach einem 20-minütigem Desorientierungslauf durch die Stadt landeten wir schließlich dort, wo wir landen mussten. 

Wir bestellten uns jeder ein Big-Mäc Menü und lernten zwei nette Belgier kennen. In wirklich ruhiger und besonnener Art tauschten wir uns interkulturell über die Errungenschaften beider Länder aus – Nazis und Marc Dutroux – und verlagerten ohne Aggressionen das weitere Gespräch nach draußen. Dort angekommen legte ich meine orange Brille an einem Müllcontainer ab und schaute der ersten Gesprächsrunde gemeinsam mit dem zweiten Belgier entspannt zu. Deutschland gewann 1:0 und der erste Belgier musste noch mal ein Auge zudrücken – gezwungenermaßen. Nun war ich an der Reihe. Nach einem zwei minütigem Tanz und dem Austausch von Argumenten ließ ich mir die Sache mit dem 3-Gang Menü vor dem Müllcontainer noch einmal durch den Kopf gehen. Soviel Bewegung nach solch einem opulenten Mahl war zu viel für mich. Nach einem Shake Hands und „cya“ stiegen die Belgier in ein Taxi und wir setzten den Heimweg zu Fuß fort. An kalten und grauen Tagen schmerzt meine Hand heute noch ein wenig…aber schön, dass es hier keine kalten und grauen Tage gibt! Nur der Brille schaue ich immer noch ein wenig wehmütig hinter her und ein Tyler Durdan werde ich wohl auch nicht mehr. 

Am kommenden Tage, ich war wirklich noch bis in die Abendstunden sehr derangiert, ging es dann erneut zum Feiern. Nun bin ich hier um neues auszuprobieren und das taten wir auch in  Hinblick auf das Vorglühen. Ich trank zum ersten Mal bewusst und voller Freude & Genuss Oettinger. Punkt. Kein weiterer Kommentar, oder doch: Hüben wie drüben ist das einfach die billigste Plörre, nur dass hier billig 11 Dollar pro 0,33 Sixpack bedeutet…Rechtfertigung Ende.

Beschwingt saßen wir alle im Innenhof und wollten aufbrechen. Ich beschloss noch einmal etwas Oettinger wegzubringen und für den Weg – wohlwissenderweise, dass es mich 200 $ oder womöglich gar den Kopf kosten könne – ein Fußpils mitzunehmen. Im Innenhof angekommen stand ich auf einmal alleine da. Ich beschloss den Weg in die Stadt dann mit Me, Myself & I zu begehen, als ich die anderen auf dem Weg zum Ausgang wieder traf.

Das Mädel war am Heulen, der eine Kollege hat ein kaputtes Hemd und der andere gar keines mehr an. Was ein wenig nach missglücktem Pornodreh klingt, hatte einen ganz anderen Grund. Dieser war laut schreiend, am Zaun stehend und sah aus wie Bud Spencer aus Köln-Kalk. Ein betrunkener Aboriginie hat sich durch den Zaun Zugang zum Gelände verschafft und einem Mitbewohner ordentlich eine abgeräumt. Die beiden Deutschen – mit solider Thaibox Erfahrung, Ratio und Muskeln bestens ausgestattet – konnten schlimmeres verhindern und den Eindringling des Grundstücks verweisen. Bis auf die kaputten Hemden und dem zu Boden gegangenen Kerl – er war mutmaßlich Engländer – war also nichts passiert, so dachte ich.

Man hörte den Aboriginie noch lauthals auf der Straße rumkrakelen und zwei dumpfe Schläge in der Nacht hallen. Das Ergebnis dieser beiden war ein Umstand, über den sich jede Carglass-Filiale freuen würde, denn das HPX3-Kunstharz kann getrost im Behälter bleiben.  



Nach so einer Sache das Hostel zu verlassen und in einen Club zu gehen, ist schon ein komisches Ding. Man weiß ja nie, wo der Kerl lauert. Später stellte sich heraus, warum es zu dem ganzen Aufruhr kam. An die zehn Leute hatten den Mann die Straße herunter laufen sehen und ihn stark provoziert – ob und in wie weit das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter erörtert worden ist, sei dahin gestellt. Dass keiner derjenigen, die das ganze ausgelöst hatten, sich nachher bei den Verteidigungshandlungen beteiligt haben und lieber die Flucht ergriffen, spricht genauso für sich, wie deren Nationalität...God save the Queen!    

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