Wer feiern kann, kann auch Arbeiten. Diesen – ja,
meinen persönlichen - Leitsatz verfeinerte ich in Australien ein wenig: Wer
keine Arbeit hat, muss auch mal feiern gehen! Nachdem ich meine ersten Bottle-Shop/Zigaretten-Erfahrungen
gemacht hatte, musste ich - den interkulturellen Austausch fördernd - die
Kneipen und Bar Szene in Perth genauer unter die Lupe nehmen.
Die Feierei im Hostel war bis 10 Uhr abends im
Innenhof erlaubt. Dieser war ein etwa
100m langer, ziemlich breiter und überdachter Gang mit vielen Tischen und Stühlen
und wurde zu einer Seite vom Aufenthalts- und Küchengebäude flankiert, zu
anderen Seite befand sich der Bau mit den Schlafsälen und Toiletten. Der
Nachtmanager musste um halb elf dann auch die letzten Engländer des Gebietes
verweisen, damit die arbeitende Bevölkerung ihre Nachtruhe fand. Wo nun
hin mit dem Alkoholrausch und der Feierlaune?
Dafür wurde vom Besitzer natürlich vorgesorgt: es geht
in „the shed“ (irrtümlich von vielen als „the chat“ abgetan). Ein ca. 30 qm
großer, direkt an den Aufenthaltstrakt angrenzender, Wellblechschuppen mit
alten Sofas, einer Holzbank samt Tisch (bestimmt von einem Rastplatz geklaut)
und diversen Rücksitzbänken aus Vans, deren Besitzer aufgrund eines
Matratzeneinbaus keinerlei Verwendung mehr für diese hatten und sie dem Hostel
natürlich auch gerne zur Verfügung gestellt haben.
Hier traf ich mit den Iren zusammen und davon, dass
Drogenkonsum und –Handel in Australien mit drakonischen Strafen belegt ist, war
hier nichts zu spüren. Wer von Grünzeug abgeneigt war, der griff zu anderen
Mittel. Rein chemischer Natur versteht sich. Nein nein, kein Koks, LSD oder
sonstiges Zeug. Gott bewahre!
Hat man den Österreichern, vor mehr als 25 Jahren, für
ihren mit Glykol gepanschten Wein die Hölle heiß gemacht, so kommt der
Australier für seinen „Weißwein“ ungestraft davon. Das Teufelszeug heißt Goon,
man bekommt es für um die 10 Dollar in einem 4 Literschlauch mit Zapfhahn und
mutmaßlich war die ursprüngliche Bestimmung dessen, die Entfernung hartnäckiger
Rotweinflecken aus weißen Velourteppichen. Der Kater und das unzulängliche
Englisch meinerseits am nächsten Tag bei meinem ersten Jobinterview bestätigten
diesen Eindruck.
Nichtsdestotrotz verlief mein erstes Club-Erlebnis in
Down Under eher niederschmetternd. Voller (alkoholischer) Euphorie und mit
meiner roten Basecap bewaffnet schlossen wir uns den besagten Engländern an und
teilten uns ein Großraumtaxi zur Mustang Bar. In der Kraftdroschke wurde mir
mitgeteilt, dass die Bar an sich ein Club sei und dass man mit Kappen keinen
Einlass bekomme. Mit dem ganzen Bus englische Kinderlieder singend, gab ich
meine Kappe der nun allseits bekannten kräftigen Engländerin zu Aufbewahrung in deren Handtasche und „the
wheels on the bus went round and round“ again.
Vor dem Laden angekommen, stellten wir uns in die
Schlange und obwohl ich nicht mehr bis drei zählen konnte, war ich noch der
Nüchternste von uns allen. Nach 10 Minuten Wartezeit kam unsere Gruppe dran und
alle durften vor mir passieren. Nun war ich an der Reihe. Meinen deutschen Reisepass
vorzeigend schien eigentlich alles klar – die Party geht weiter! Das sah der
nette Security auch so. Er musterte mich mit einem netten Lächeln und
akzeptierte den deutschen Reisepass wohlwollend, bevor seine Miene bei meinen
Schuhen versteinerte. Was für Kappen auf dem Kopf gilt, gilt auch für die am
anderen des Körpers. Meine Workboots – die wie normale Landrover oder Camel
Stiefel aussahen - missfielen dem Mann in Schwarz und ich wurde höflich der
Schlange verwiesen. Ein Umstand der für mich völlig neu war - nicht zuletzt aus
Ermangelung an Arbeitsschuhen mit Stahlkappen in Deutschland. Hier bin als
Backpacker, habe also nur meine Workboots und meine Joggingschuhe dabei und mit
denen wäre ich auch nicht rein gekommen. So begleitete mich mein werter Freund
Google Maps zurück ins Hostel und ich legte ein vorgezogenes und überteuertes
Katerfrühstück an der Tankstelle ein.
Unverhofft kommt oft! So schlug es uns an einem
Donnerstag in den Dean Club um ein BBQ for free abzugreifen. Ausdrücklich
wollten wir einen ruhigen Abend machen, um fit zu sein für den Freitag – denn
da sollte die eigentliche Party steigen. Um halb acht in der Schlange
angekommen, hatte ich bedenken den Club überhaupt mit meinen Joggingschuhen
betreten zu dürfen. In der Schlange wartend viel uns ein Österreicher auf, der
uns mitteilte, dass es sein erster Abend hier in Perth sei und er von dem
Gratis BBQ gehört habe.
Als Österreicher hat man es nicht nur in Europa
schwer, nein auch in Australien muss man sehen wo man bleibt. Eine Working
Holiday Regelung zwischen den beiden Ländern gibt es nicht, so dass der Kollege
mit einem 90-tägigen Touristenvisum einreiste und auf „cash to hand“ Arbeit
hoffte, um seinen Aufenthalt schwarz finanzieren zu können. Der Besagte Mann
aus den Alpen sah so aus, als ob er frisch von der Couch kam. Jogginghose,
lockeres Gammelshirt und Schuhe, die seinen Arbeitsmöglichkeiten Down Under so
gar nicht glichen. Sie waren weiß – und das nicht von Natur aus, sondern wohl
eher von Malerarbeiten die er steuer- und sozialversicherungsbefreit vornahm. Wenn
er reinkommt, dann brauche ich wohl keine Bedenken zu haben. Ein weiterer
Deutscher ließ uns einen Gutschein zukommen, so dass wir uns neben dem freien
BBQ auch noch auf ein Gratisbier freuen durften – eins ist ok, dann aber husch
husch nach Hause!
Wir passierten die Eingangskontrolle und der Gutschein
brachte ein leuchtend neongelbes Band a la Mallorca und eine stylische orangene
Hipster Brille mit sich. Damit bewaffnet holten wir uns das kühle Blonde (0,33)
von der Theke ab, um uns daraufhin in die Schlange am Grill zu stellen.
Schließlich hatten wir noch nichts gegessen und waren deshalb auch nur hier. Es
kam, wie es kommen musste. Nach 10 Minuten Warten in der Schlange – in der mich
eine Deutsche in vermeintlichen Aussie-Slang als einen Iren ausmachte – war der
Ofen aus und der Grill leer. Wir hatten 20 vor neun und der Magen knurrte.
Ein Deutscher, der vormals in unserem Hostel gastierte
– und zufälligerweise aus Landau kam – brachte nun die Hiobsbotschaft:
„Zwischen neun und zehn gibt es an der Bar Freibier!“. Den Hunger vergessend harrten wir die restliche Zeit
aus, um wenigstens mit einem weiteren Freibier den Kummer über das verpasste
BBQ vergessen zu machen. Wie ihr euch denken könnt, blieb es dabei und wir
gingen nach Hause…
Alternativer
Verlauf: 60 Minuten später und um 3,3 Liter eiskaltem Bier
reicher, war die Stimmung top, die Frequenz der Toilettenbesuche stieg rapide
an und es gesellten sich noch weitere Leute aus dem Hostel hinzu. So gingen wir
auf die Tanzfläche um das zu tun, was wir tun mussten: weiter trinken! Wir
bestellten uns gegenseitig jugs (keine Titten [ugs.], sondern Krüge – doppelter
Pint, 1136 ml, für knapp 13 $) und von der Qualität der darauffolgenden
Tanzdarbietungen kann sich wohl jeder selbst ein Bild machen.
Die Mitternacht brach an und die „Sieben-Bier-sind-auch-ein-Schnitzel-Methode“
forderte ihren Tribut - wir hatten Hunger. So stürmten wir in den „Döner“-Laden
um die Ecke, um uns einen 13 $ günstigen Dürumchen mit Gouda einzuverleiben.
Flirtversuche bei der Pizzabäckerin nebenan verliefen im nichts, so dass uns das Stück Pizza trotzdem 5 Dollar kostete. Nach einem 20-minütigem
Desorientierungslauf durch die Stadt landeten wir schließlich dort, wo wir
landen mussten.
Wir bestellten uns jeder ein Big-Mäc Menü und lernten zwei
nette Belgier kennen. In wirklich ruhiger und besonnener Art tauschten wir uns
interkulturell über die Errungenschaften beider Länder aus – Nazis und Marc
Dutroux – und verlagerten ohne Aggressionen das weitere Gespräch nach draußen.
Dort angekommen legte ich meine orange Brille an einem Müllcontainer ab und schaute der ersten Gesprächsrunde gemeinsam mit dem zweiten Belgier entspannt
zu. Deutschland gewann 1:0 und der erste Belgier musste noch mal ein Auge zudrücken –
gezwungenermaßen. Nun war ich an der Reihe. Nach einem zwei minütigem Tanz und dem
Austausch von Argumenten ließ ich mir die Sache mit dem 3-Gang Menü vor dem
Müllcontainer noch einmal durch den Kopf gehen. Soviel Bewegung nach solch
einem opulenten Mahl war zu viel für mich. Nach einem Shake Hands und „cya“
stiegen die Belgier in ein Taxi und wir setzten den Heimweg zu Fuß fort. An
kalten und grauen Tagen schmerzt meine Hand heute noch ein wenig…aber schön,
dass es hier keine kalten und grauen Tage gibt! Nur der Brille schaue ich immer noch ein wenig wehmütig hinter her und ein Tyler Durdan werde ich wohl auch nicht mehr.
Am kommenden Tage, ich war wirklich noch bis in die
Abendstunden sehr derangiert, ging es dann erneut zum Feiern. Nun bin ich hier
um neues auszuprobieren und das taten wir auch in Hinblick auf das Vorglühen. Ich trank
zum ersten Mal bewusst und voller Freude & Genuss Oettinger. Punkt. Kein
weiterer Kommentar, oder doch: Hüben wie drüben ist das einfach die billigste
Plörre, nur dass hier billig 11 Dollar pro 0,33 Sixpack bedeutet…Rechtfertigung
Ende.
Beschwingt saßen wir alle im Innenhof und wollten
aufbrechen. Ich beschloss noch einmal etwas Oettinger wegzubringen und für den
Weg – wohlwissenderweise, dass es mich 200 $ oder womöglich gar den Kopf kosten
könne – ein Fußpils mitzunehmen. Im Innenhof angekommen stand ich auf einmal
alleine da. Ich beschloss den Weg in die Stadt dann mit Me, Myself & I zu
begehen, als ich die anderen auf dem Weg zum Ausgang wieder traf.
Das
Mädel war am Heulen, der eine Kollege hat ein kaputtes Hemd und der andere gar
keines mehr an. Was ein wenig nach missglücktem Pornodreh klingt, hatte einen
ganz anderen Grund. Dieser war laut schreiend, am Zaun stehend und sah aus wie
Bud Spencer aus Köln-Kalk. Ein betrunkener Aboriginie hat sich durch den Zaun
Zugang zum Gelände verschafft und einem Mitbewohner ordentlich eine abgeräumt.
Die beiden Deutschen – mit solider Thaibox Erfahrung, Ratio und Muskeln bestens
ausgestattet – konnten schlimmeres verhindern und den Eindringling des Grundstücks
verweisen. Bis auf die kaputten Hemden und dem zu Boden gegangenen Kerl – er war
mutmaßlich Engländer – war also nichts passiert, so dachte ich.
Man hörte den Aboriginie noch lauthals auf der Straße
rumkrakelen und zwei dumpfe Schläge in der Nacht hallen. Das Ergebnis dieser
beiden war ein Umstand, über den sich jede Carglass-Filiale freuen würde, denn
das HPX3-Kunstharz kann getrost im Behälter bleiben.
Nach so einer Sache das Hostel zu verlassen und in einen Club zu gehen, ist schon ein komisches Ding. Man weiß ja nie, wo der Kerl
lauert. Später stellte sich heraus, warum es zu dem ganzen Aufruhr kam. An die zehn Leute hatten den Mann die Straße herunter laufen sehen und ihn stark
provoziert – ob und in wie weit das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter
erörtert worden ist, sei dahin gestellt. Dass keiner derjenigen, die das ganze ausgelöst hatten, sich nachher bei
den Verteidigungshandlungen beteiligt haben und lieber die Flucht ergriffen,
spricht genauso für sich, wie deren Nationalität...God save the Queen!

