Mittwoch, 28. November 2012

Perth IV - In Sachen Kultur


Wer feiern kann, kann auch Arbeiten. Diesen – ja, meinen persönlichen - Leitsatz verfeinerte ich in Australien ein wenig: Wer keine Arbeit hat, muss auch mal feiern gehen! Nachdem ich meine ersten Bottle-Shop/Zigaretten-Erfahrungen gemacht hatte, musste ich - den interkulturellen Austausch fördernd - die Kneipen und Bar Szene in Perth genauer unter die Lupe nehmen.

Die Feierei im Hostel war bis 10 Uhr abends im Innenhof erlaubt. Dieser  war ein etwa 100m langer, ziemlich breiter und überdachter Gang mit vielen Tischen und Stühlen und wurde zu einer Seite vom Aufenthalts- und Küchengebäude flankiert, zu anderen Seite befand sich der Bau mit den Schlafsälen und Toiletten. Der Nachtmanager musste um halb elf dann auch die letzten Engländer des Gebietes verweisen, damit die arbeitende Bevölkerung ihre Nachtruhe fand. Wo nun hin mit dem Alkoholrausch und der Feierlaune?

Dafür wurde vom Besitzer natürlich vorgesorgt: es geht in „the shed“ (irrtümlich von vielen als „the chat“ abgetan). Ein ca. 30 qm großer, direkt an den Aufenthaltstrakt angrenzender, Wellblechschuppen mit alten Sofas, einer Holzbank samt Tisch (bestimmt von einem Rastplatz geklaut) und diversen Rücksitzbänken aus Vans, deren Besitzer aufgrund eines Matratzeneinbaus keinerlei Verwendung mehr für diese hatten und sie dem Hostel natürlich auch gerne zur Verfügung gestellt haben.

Hier traf ich mit den Iren zusammen und davon, dass Drogenkonsum und –Handel in Australien mit drakonischen Strafen belegt ist, war hier nichts zu spüren. Wer von Grünzeug abgeneigt war, der griff zu anderen Mittel. Rein chemischer Natur versteht sich. Nein nein, kein Koks, LSD oder sonstiges Zeug. Gott bewahre!

Hat man den Österreichern, vor mehr als 25 Jahren, für ihren mit Glykol gepanschten Wein die Hölle heiß gemacht, so kommt der Australier für seinen „Weißwein“ ungestraft davon. Das Teufelszeug heißt Goon, man bekommt es für um die 10 Dollar in einem 4 Literschlauch mit Zapfhahn und mutmaßlich war die ursprüngliche Bestimmung dessen, die Entfernung hartnäckiger Rotweinflecken aus weißen Velourteppichen. Der Kater und das unzulängliche Englisch meinerseits am nächsten Tag bei meinem ersten Jobinterview bestätigten diesen Eindruck.



Nichtsdestotrotz verlief mein erstes Club-Erlebnis in Down Under eher niederschmetternd. Voller (alkoholischer) Euphorie und mit meiner roten Basecap bewaffnet schlossen wir uns den besagten Engländern an und teilten uns ein Großraumtaxi zur Mustang Bar. In der Kraftdroschke wurde mir mitgeteilt, dass die Bar an sich ein Club sei und dass man mit Kappen keinen Einlass bekomme. Mit dem ganzen Bus englische Kinderlieder singend, gab ich meine Kappe der nun allseits bekannten kräftigen Engländerin  zu Aufbewahrung in deren Handtasche und „the wheels on the bus went round and round“ again.

Vor dem Laden angekommen, stellten wir uns in die Schlange und obwohl ich nicht mehr bis drei zählen konnte, war ich noch der Nüchternste von uns allen. Nach 10 Minuten Wartezeit kam unsere Gruppe dran und alle durften vor mir passieren. Nun war ich an der Reihe. Meinen deutschen Reisepass vorzeigend schien eigentlich alles klar – die Party geht weiter! Das sah der nette Security auch so. Er musterte mich mit einem netten Lächeln und akzeptierte den deutschen Reisepass wohlwollend, bevor seine Miene bei meinen Schuhen versteinerte. Was für Kappen auf dem Kopf gilt, gilt auch für die am anderen des Körpers. Meine Workboots – die wie normale Landrover oder Camel Stiefel aussahen - missfielen dem Mann in Schwarz und ich wurde höflich der Schlange verwiesen. Ein Umstand der für mich völlig neu war - nicht zuletzt aus Ermangelung an Arbeitsschuhen mit Stahlkappen in Deutschland. Hier bin als Backpacker, habe also nur meine Workboots und meine Joggingschuhe dabei und mit denen wäre ich auch nicht rein gekommen. So begleitete mich mein werter Freund Google Maps zurück ins Hostel und ich legte ein vorgezogenes und überteuertes Katerfrühstück an der Tankstelle ein.

Unverhofft kommt oft! So schlug es uns an einem Donnerstag in den Dean Club um ein BBQ for free abzugreifen. Ausdrücklich wollten wir einen ruhigen Abend machen, um fit zu sein für den Freitag – denn da sollte die eigentliche Party steigen. Um halb acht in der Schlange angekommen, hatte ich bedenken den Club überhaupt mit meinen Joggingschuhen betreten zu dürfen. In der Schlange wartend viel uns ein Österreicher auf, der uns mitteilte, dass es sein erster Abend hier in Perth sei und er von dem Gratis BBQ gehört habe.

Als Österreicher hat man es nicht nur in Europa schwer, nein auch in Australien muss man sehen wo man bleibt. Eine Working Holiday Regelung zwischen den beiden Ländern gibt es nicht, so dass der Kollege mit einem 90-tägigen Touristenvisum einreiste und auf „cash to hand“ Arbeit hoffte, um seinen Aufenthalt schwarz finanzieren zu können. Der Besagte Mann aus den Alpen sah so aus, als ob er frisch von der Couch kam. Jogginghose, lockeres Gammelshirt und Schuhe, die seinen Arbeitsmöglichkeiten Down Under so gar nicht glichen. Sie waren weiß – und das nicht von Natur aus, sondern wohl eher von Malerarbeiten die er steuer- und sozialversicherungsbefreit vornahm. Wenn er reinkommt, dann brauche ich wohl keine Bedenken zu haben. Ein weiterer Deutscher ließ uns einen Gutschein zukommen, so dass wir uns neben dem freien BBQ auch noch auf ein Gratisbier freuen durften – eins ist ok, dann aber husch husch nach Hause!

Wir passierten die Eingangskontrolle und der Gutschein brachte ein leuchtend neongelbes Band a la Mallorca und eine stylische orangene Hipster Brille mit sich. Damit bewaffnet holten wir uns das kühle Blonde (0,33) von der Theke ab, um uns daraufhin in die Schlange am Grill zu stellen. Schließlich hatten wir noch nichts gegessen und waren deshalb auch nur hier. Es kam, wie es kommen musste. Nach 10 Minuten Warten in der Schlange – in der mich eine Deutsche in vermeintlichen Aussie-Slang als einen Iren ausmachte – war der Ofen aus und der Grill leer. Wir hatten 20 vor neun und der Magen knurrte. 

Ein Deutscher, der vormals in unserem Hostel gastierte – und zufälligerweise aus Landau kam – brachte nun die Hiobsbotschaft: „Zwischen neun und zehn gibt es an der Bar Freibier!“. Den Hunger  vergessend harrten wir die restliche Zeit aus, um wenigstens mit einem weiteren Freibier den Kummer über das verpasste BBQ vergessen zu machen. Wie ihr euch denken könnt, blieb es dabei und wir gingen nach Hause…

Alternativer Verlauf: 60 Minuten später und um 3,3 Liter eiskaltem Bier reicher, war die Stimmung top, die Frequenz der Toilettenbesuche stieg rapide an und es gesellten sich noch weitere Leute aus dem Hostel hinzu. So gingen wir auf die Tanzfläche um das zu tun, was wir tun mussten: weiter trinken! Wir bestellten uns gegenseitig jugs (keine Titten [ugs.], sondern Krüge – doppelter Pint, 1136 ml, für knapp 13 $) und von der Qualität der darauffolgenden Tanzdarbietungen kann sich wohl jeder selbst ein Bild machen.



Die Mitternacht brach an und die „Sieben-Bier-sind-auch-ein-Schnitzel-Methode“ forderte ihren Tribut - wir hatten Hunger. So stürmten wir in den „Döner“-Laden um die Ecke, um uns einen 13 $ günstigen Dürumchen mit Gouda einzuverleiben. Flirtversuche bei der Pizzabäckerin nebenan verliefen im nichts, so dass uns das Stück Pizza trotzdem 5 Dollar kostete. Nach einem 20-minütigem Desorientierungslauf durch die Stadt landeten wir schließlich dort, wo wir landen mussten. 

Wir bestellten uns jeder ein Big-Mäc Menü und lernten zwei nette Belgier kennen. In wirklich ruhiger und besonnener Art tauschten wir uns interkulturell über die Errungenschaften beider Länder aus – Nazis und Marc Dutroux – und verlagerten ohne Aggressionen das weitere Gespräch nach draußen. Dort angekommen legte ich meine orange Brille an einem Müllcontainer ab und schaute der ersten Gesprächsrunde gemeinsam mit dem zweiten Belgier entspannt zu. Deutschland gewann 1:0 und der erste Belgier musste noch mal ein Auge zudrücken – gezwungenermaßen. Nun war ich an der Reihe. Nach einem zwei minütigem Tanz und dem Austausch von Argumenten ließ ich mir die Sache mit dem 3-Gang Menü vor dem Müllcontainer noch einmal durch den Kopf gehen. Soviel Bewegung nach solch einem opulenten Mahl war zu viel für mich. Nach einem Shake Hands und „cya“ stiegen die Belgier in ein Taxi und wir setzten den Heimweg zu Fuß fort. An kalten und grauen Tagen schmerzt meine Hand heute noch ein wenig…aber schön, dass es hier keine kalten und grauen Tage gibt! Nur der Brille schaue ich immer noch ein wenig wehmütig hinter her und ein Tyler Durdan werde ich wohl auch nicht mehr. 

Am kommenden Tage, ich war wirklich noch bis in die Abendstunden sehr derangiert, ging es dann erneut zum Feiern. Nun bin ich hier um neues auszuprobieren und das taten wir auch in  Hinblick auf das Vorglühen. Ich trank zum ersten Mal bewusst und voller Freude & Genuss Oettinger. Punkt. Kein weiterer Kommentar, oder doch: Hüben wie drüben ist das einfach die billigste Plörre, nur dass hier billig 11 Dollar pro 0,33 Sixpack bedeutet…Rechtfertigung Ende.

Beschwingt saßen wir alle im Innenhof und wollten aufbrechen. Ich beschloss noch einmal etwas Oettinger wegzubringen und für den Weg – wohlwissenderweise, dass es mich 200 $ oder womöglich gar den Kopf kosten könne – ein Fußpils mitzunehmen. Im Innenhof angekommen stand ich auf einmal alleine da. Ich beschloss den Weg in die Stadt dann mit Me, Myself & I zu begehen, als ich die anderen auf dem Weg zum Ausgang wieder traf.

Das Mädel war am Heulen, der eine Kollege hat ein kaputtes Hemd und der andere gar keines mehr an. Was ein wenig nach missglücktem Pornodreh klingt, hatte einen ganz anderen Grund. Dieser war laut schreiend, am Zaun stehend und sah aus wie Bud Spencer aus Köln-Kalk. Ein betrunkener Aboriginie hat sich durch den Zaun Zugang zum Gelände verschafft und einem Mitbewohner ordentlich eine abgeräumt. Die beiden Deutschen – mit solider Thaibox Erfahrung, Ratio und Muskeln bestens ausgestattet – konnten schlimmeres verhindern und den Eindringling des Grundstücks verweisen. Bis auf die kaputten Hemden und dem zu Boden gegangenen Kerl – er war mutmaßlich Engländer – war also nichts passiert, so dachte ich.

Man hörte den Aboriginie noch lauthals auf der Straße rumkrakelen und zwei dumpfe Schläge in der Nacht hallen. Das Ergebnis dieser beiden war ein Umstand, über den sich jede Carglass-Filiale freuen würde, denn das HPX3-Kunstharz kann getrost im Behälter bleiben.  



Nach so einer Sache das Hostel zu verlassen und in einen Club zu gehen, ist schon ein komisches Ding. Man weiß ja nie, wo der Kerl lauert. Später stellte sich heraus, warum es zu dem ganzen Aufruhr kam. An die zehn Leute hatten den Mann die Straße herunter laufen sehen und ihn stark provoziert – ob und in wie weit das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter erörtert worden ist, sei dahin gestellt. Dass keiner derjenigen, die das ganze ausgelöst hatten, sich nachher bei den Verteidigungshandlungen beteiligt haben und lieber die Flucht ergriffen, spricht genauso für sich, wie deren Nationalität...God save the Queen!    

Freitag, 23. November 2012

Perth III - uncut


OK, ich werde wohl doch nicht nach Perth zurückkehren, somit hier die "Lost Tapes":

...

Und dann war da noch diese Frau, ebenfalls Engländerin und trinkfester als so mancher Kerl. Nun, sie sah auch so aus. Bei einer Körpergröße von knapp 1,70 brachte sie auch dasselbe an Kilos auf die Waage. Ihr Mundwerk war genauso laut und dreckig, wie ein mit Heizöl betriebener Hanomag Traktor aus den frühen 60er Jahren und ihr wankelnder Gang – wohl zum Teil auch dem Alkohol geschuldet – ließ sie nicht mehr richtig geradeaus laufen – auch hier sind Ähnlichkeiten zum Hanomag unverkennbar. Bei ihr lag dies wohl  aber auch einem Hüftschaden - wo der herkommt, später mehr. Also gut, bei mehreren Gesprächen wurde mir deutlich, dass sie außerhalb der englischen Insel doch auch ganz nett sein kann. Sie verdiente ihr Geld als Supervisor in einem Restaurant – vermutlich einem Cafe mit angrenzendem Domina-Studio, ihr Vokabular in Bezug auf Schimpfwörter, Beleidigungen und abwertenden Äußerungen lies dies vermuten. Sie erhielt ein Sponsorship und kann dies nun die nächsten 2,5 Jahre in Perth tun.

Nun wurde mir nach geraumer Zeit mitgeteilt, dass diese Frau ernsthaft krank war. Ich erschrak, ernsthaft krank? Dies war für mich nun eine Erklärung, warum sie an Wochenenden und an arbeitsfreien Tagen gerne mittags um eins stolz ihren rosa-weißen Pyjama in voller Pracht, rauchender weise auf dem Innenhof des Hostels – natürlich bei den trinkenden Engländern sitzend – präsentierte. Sie hatte die Nacht viel zu tun und so ein Hüftschaden kommt nicht von ungefähr. 

Sie bot nämlich in Ihrem Zweitjob gerne und viel Liebesdienste Australiern an, deren Kräftigkeit Zahlungen dafür gegenüber genauso groß war, wie die Kräftigkeit Ihres Leibes. Ein Profil auf einem einschlägigen online-Portal war wohl Ihre vom Arzt verschriebene Therapie, um der chronischen Nymphomanie her zu werden. Und das alles scheinbar ohne Zuzahlungen der Kasse.

Ich war schockiert und fragte mich, warum der liebe Gott so ein Spiel mit einem  spielt. Endlich trifft Mann in seinem Leben auf eine Nymphomanin...und dann sowas...verrückte Welt.

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Sonntag, 18. November 2012

Perth III - censored!


Anm. d. Red.; Dieser Artikel wurde aufgrund  brisanter Schilderungen bezüglich real existierender Personen zensiert. Der Schreiber - ja, ich! - dieses Artikels wird zu gegebener Zeit an den unten beschriebenen Ort zurückkehren müssen und würde sich durch eine Veröffentlichung einzelner Textpassagen mit evtl. Repressionen und Schadensersatzansprüchen konfrontiert sehen. Sobald die Gefahr vorüber ist, werden die zensierten Passagen veröffentlicht! :-D      

Das Hostel in dem ich wohnte war schon eine lustige Sache. Ein ehemaliges Industriegrundstück wurde zu einem 100 Personen Haus umgebaut und dementsprechend war immer viel los in der Rainbow Lodge. Der Besitzer des Ladens wurde vom Amt gegängelt, so dass ich - ich bin in der Zwischenzeit in ein 4er Zimmer umgezogen - mich plötzlich mit heraus genommener Zimmertür de facto in einem 32-Bett Zimmer wiederfand – Schullandheim hurra! Die Leute, die ich traf waren zumeist Europäer und es wurden zum Ende hin immer mehr Deutsche, ein ständiges Kommen und Gehen. Wobei es auch viele Leute gab, die nahezu dauerhaft dort wohnten und ich traf einen netten Kollegen aus Neuseeland, der dies schon vier Jahre lang in verschiedenen australischen Hosteln tat. Trotz des ganzen hin und hers war auf einen Typus Mensch immer verlass: Engländer.

Man weiß viel über sie – meist ist dieses Wissen durch Vorurteile bestimmt und ich erfuhr schlussendlich, dass dem auch so ist. Wenn ich mir eine gewisse Trinkfestigkeit und Kondition dies bezüglich durchaus zu schreiben kann, so wird das vom Engländer noch übertroffen – bei Weitem! Meist treten sie in Rudeln auf und legen immer dasselbe Verhalten an den Tag. Morgens trinken, arbeiten, abends trinken und nachts trinken, bis das Ganze wieder von vorne los geht. Well done! Man bleibt meist unter sich und begeht das obligatorische Auslandsjahr so, dass man nicht Gefahr läuft eine neue Sprache lernen zu müssen. Urlaub von zu Hause, zu Hause!

[ZENSIERTER ABSATZ]

[ZENSIERTER ABSATZ]

[ZENSIERTER ABSATZ]

[ZENSIERTER ABSATZ]

Nach England wende ich mich jetzt wieder Europa zu. Meiner einer macht dieses Jahr in Australien um eine neue Sprache, ein neues Land und eine neue Kultur kennen zu lernen – ähnlich wie Michael Ballack damals bei Chelsea, nur bei nicht ganz so üppiger Bezahlung. Ich traf viele Menschen – vor allem Italiener und Iren – die das Ganze nicht aus Spaß an der Freude machten, sondern aus Perspektiv- und Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern dazu getrieben wurden. Diese arbeiteten hart und hofften auf eine bessere, fernere Zukunft in Europa. Eine Zukunft, die ich so betrachtet, gar nicht abwegig finde. Denn was bei mehreren Gesprächen mit Spaniern, Italienern, Franzosen und – auch ja – Engländern zu Tage kam, war ein gemeinsamer europäischer Gedanke, der ziemlich stark zu sein scheint. Gut, in Berlin ist dies auch der Fall, doch liegt das meiner Meinung nicht am Streben nach einer gemeinsamen europäischen Zukunft sondern eher am billigen Bier, der exzellenten  Club- und Kneipenszene, dem hochgelebten Hipstertum, dem „en vogue“ Image der Stadt und nicht zuletzt an easyjet.    

Um jetzt nicht in Poltik und Soziologie zu verfallen und mich womöglich noch Beethovens-9te-trällenderweise eine neue „Charta Europa“ schreiben zu sehen, geht es wieder in Down Under weiter.

Eine Nähe zu England ist unverkennbar, aber trotzdem trennen sie Welten. Der Ire ist ein netter, gesprächiger Mensch und zögert keine Sekunde damit seinen hart verdienten Tageslohn im Handumdrehen in noch härteres Hochprozentiges zu investieren. Versteht man den Iren anfänglich nur so halbwegs – vor allem wen er schnell spricht – so lässt die Verständlichkeit im Laufe des Abends immer weiter nach und anstatt sich weiterhin selber zu äußern, lässt er lieber seine Fäuste sprechen. Nie gegen Fremde – und nur in diesem Punkt sind sich Iren mit den Engländern ähnlich: Mann bleibt unter sich. Ein Gespräch mit vier Iren und einer Irin endete damit, dass ich nach einer Weile nur noch 2 Gesprächspartner zur Verfügung hatte, während sich die beiden anderen am Tisch erst mit Fäusten auf den Oberkörper malträtieren, um dann schlussendlich 10 Minuten lang im griechisch-römischen Stil ineinander zu verharren – bloß nicht nachgeben! Nach der kleinen Showeinlage war dann auch alles wieder sofort gut, nur die Verständlichkeit war jetzt ganz verloren gegangen. Ich verstand kein Wort mehr und nun weiß ich auch wo der Dub-Step seine Inspiration her nimmt.

Ich weiß nicht woran es liegt, aber sowohl in einem Café (eigentlich war es eine Kneipe, ich war aber noch nicht betrunken!) hielt mich ein Mädel - wohl aufgrund meines weiß/grünen Shirts - für einen Ir(r?)en, als auch die Frau von der Jobagentur. Letztere musterte mich und ihre zweifelnde Nachfrage auf irische Vorfahren konnte ich mit dem „Friedrich Rudolf“ in meinem deutschen Reisepass recht schnell und gekonnt abschmettern.         

Neben Europa war auch Asien in der Rainbow Lodge vertreten. Ein lustiger alter Mann so um die 50 Jahre ließ es sich nicht nehmen, in diesem Hostel für eine Woche einzuchecken, um somit auf das Alter bezogen einen krassen statistischen Ausreißer darzustellen. Nicht nur auf das Alter bezogen entsprach dieser Mann keiner Norm. Er war nicht nur ein statistischer Ausreiser, sondern auch ein "sich selbst Ausgrenzer". Die Türen in unserem Hostel waren nicht mit den handelsüblichen europäischen Türklinken versehen, sondern sie besaßen Rundknäufe, die eine Drehung der selbigen voraus setzten, um die Tür schlussendlich zu öffnen. Eine Aufgabe die nicht leicht zu meistern scheint.

Der nette asiatische Mann wollte um halb acht abends nur mit Feinripp-Unterhemd und -unterhose das Zimmer verlassen und begegnete der Tür somit freundlich und offen. Nur die Tür spielte nicht mit, denn sie war geschlossen. Auf ein erstes freundliches Shake Hands zwischen dem Asiaten und dem Türknauf, das für den Asiaten nicht zum erhofften Passieren führte, folgte ein Navy Seal-gleiches Abtasten des Tür Rahmens und der gesamten Tür. Nur ließ diese sich davon nicht beirren und begegnete ihm gegenüber weiterhin sehr verschlossen. Ein mehrfaches, kumpelhaftes „Hey Buddy!“-Klopfen auf die Schulter der Tür folgte ebenfalls zu keinem positiven Ergebnis. Der Asiate – nicht dumm – legte sich nun auf die Lauer und versteckte sich wenige Zentimeter neben der Tür, umso aus Ihrem Sichtbereich zu gelangen. Eine Minute später, die Tür war nachlässig und unaufmerksam geworden, trat ein Kerl – natürlich Engländer – vom Flur in das Zimmer ein und öffnete gekonnt und wie geübt die Tür von außen und stoß sie auf. Diesen Moment nutze der Asiate eiskalt aus und huschte mit einem netten Lächeln auf dem Gesicht - dem Engländer und nicht zuletzt der Tür dankend - aus dem Zimmer Richtung Flur.             

Im selben Zimmer wie ich schlafend, schien ihm das einfache Schlafen des Nachts nicht genug, so unterhielt er die restlichen 30 Leute und mich mit interessanten asiatischen Monologen. Selbe besondere Gewichtigkeit seiner Aussagen traf mich am nächsten Tage unverhofft. Freundlich und wild gestikulierend bat er mich in seiner Muttersprache – vermutlich chinesisch – ihm eine Auskunft zu erteilen. Seine Körpersprache ließ dies vermuten, was anderes konnte ich bei Ihm nicht verstehen. Auf meine bitte hin, dass ich ihn nicht verstehen könne und er doch bitte auf Englisch reden solle, erwiderte er nur ein „Englisch not good“ um dann nahtlos wieder in seiner Muttersprache mit mir zu kommunizieren. Hielt er mich tatsächlich für einen Asiaten? Ich bitte doch sehr. Dann schon eher Ire – nicht zuletzt wegen der Trinkfestigkeit…        

Sonntag, 4. November 2012

Perth II

Der Zweite Tag begann nach einer 12-stündigen Nacht mittags um 1. Das Geräume und Geputze in meinem Zimmer störte mich recht wenig und ich ging darauf in die Stadt um mich mit Konto und Mobilnummer einzudecken. Den Straßenverkehr ein wenig mehr verstehend starrte ich die ganze Zeit auf meine Zigarettenschachtel und mir war irgendwie so gar nicht nach Küssen zu Mute.

   
Endlich war ich mobil erreichbar und bald im Besitz einer australischen VISA Karte. Mein Magen knurrte und ich gönnte mir einen Kebab für 9 Dollar. Auf die Frage ob ich Käse möchte antwortete ich mit "Sure!" und war sofort um einen weiteren Dollar ärmer und um eine Dürüm-Erfahrung mit Gouda (!!!) reicher. Auf dem Weg zum Hostel fand ich endlich den mir am Vortag beschriebenen Bottleshop und besorgte mir gleich Bier. In diesem Supermarkt befand sich ein extra Raum in dem alles mit nobelstem Holz vertäfelt war. Der Preis für ein Sixpack Becks (6x 0,33) belief sich auf 7 $. So dachte ich. Es handelte sich dabei um den Einzelflaschenpreis, 0,33 wohlgemerkt! Ich entschied mich dann doch 18 $ für ein Sixpack Grolsch auszugeben und war mir danach auch im Klaren darüber, dass das edele Holz der Regale nicht von ungefähr kommen kann. Ich erkundigte mich beim Verkäufer, ob das Trinken ins Australien in der Öffentlichkeit erlaubt sei und er sagte mir, dass das OK ist. Stolz verließ ich mit meinem eisgekühlten - und in Australien ist wirklich jedes Getränk eisgekühlt - Sixpack den Laden Richtung Hostel. 


An der Bahnstation kurz vor meinem Ziel packte mich das Berlin Feeling und ich öffnete eine der eiskalten Flaschen Grolsch und zog sie in einem Rutsch runter. Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein -  wie neu geboren und endlich in Australien angekommen! Später erfuhr ich im Hostel, dass mich dieses Vergnügen auch 200 $ Strafe hätte kosten, sofern mich die Polizei (die eine Minute vor meinem Genussmoment an mir vorbeifuhr) erwischt hätte - don't drink in public!



Die restliche Woche war geprägt von Ankommen, ankommen, ankommen. Ich hing viel im Netz herum, tastete mich im Hostel vor und lernte viele normale Menschen kennen - und Engländer.        

Samstag, 3. November 2012

Perth I

Die ersten fünf Wochen Perth sind schnell erzählt:
Tag 1: Völlig übermüdet und gejetlagged angekommen. Der Flug von Frankfurt nach Kuala Lumpur war lang und der Asiate neben mir in der Boeing 777 -  mit dem gefühlten Baujahr 1623  (Der Flieger, nicht der Asiate)- hat entweder geschnarcht oder aus jeder Körperöffnung gerne ununterbrochen ausgedünstet. In Kuala Lumpur herrschten um halb Sieben morgens schon 27 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 3487 %. Nach 3 Stunden ging es mit einem modernerem Airbus nach Perth. Das Essen war scharf und ekelhaft, nur das in Malaysia gebraute Carlsberg verhalf mir zu einer Stunde Schlaf. Am Flughafen angekommen ließ ich mein Gepäck von einer “Bio Security” (zu deutsch: Schäferhund) auf Drogen und illegales Zeug kontrollieren…negativ.
Im Bus zum Hostel lief beim Losfahren direkt Slim Dusty mit “a pub with no beer” und der Busfahrer gab mir Tipps für Perth und war sehr freundliche - zumindest meine ich das, denn ich habe kein einziges Wort verstanden.  Im Hostel - der Rainbow Lodge - angekommen, wurde ich von einer Französin in meinem 6er Zimmer mit den Worten begrüßt “Hi, I’m Maeva and I know one sentence in german: Fick misch Arrd”. Ich erwiderte die Begrüßung mit einem “Yeah, indeed” und fragte mich, ob Zahnbehandlungen in Frankreich nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse gehören. Für mich war in diesem Zimmer in diesem Moment genauso wenig Platz wie für meine Klamotten, so beschloss ich mir an der Tankstelle Zigaretten und Bier zu kaufen.
So war der Plan. An der Petrol Station angekommen begrüßte mich eine sehr, sehr nette und aufgeschlossene Frau, die ich noch weniger verstand, als den Busfahrer. Meiner Bitte nach einer Schachtel Marlboro Light begegnete Sie mir ” 28 $” und ich korrigierte, dass ich nur einer Schachtel haben möchte und nicht zehn davon. Sie sagte mir, dass das der Preis für eine Schachtel sei und ich entschied mich nach einer kurzen Diskussion - weder verstand sie mich, noch wusste ich, was ich zu ihr sage - für die aller billigsten Zigaretten für 12 $. Die Nachfrage nach einem kühlen Bier endete in dem Hinweis, dass es dies in Australien nur in Bottle Shops gebe und einer Zeichnung auf einem Kassenzettel, wo ich den nächsten Laden finden werde.
Diese Frau war so unfassbar freundlich und zuvorkommend, dass ich mich fast verarscht fühlte und einfach nur dachte: ich will zurück nach Berlin!
Der Weg zum Bottle Shop war steinig und schwer. Ich missinterpretierte Hinweisschilder an den Ampeln, lief wie aus Berlin gewohnt bei Rot über die Ampeln und war erstaunt darüber, dass die Leute hier konsequent auf der falschen Seite fahren - ich war sichtlich überfordert. Dem Tod zwei mal von der Schippe gesprungen machte ich mich ohne Bier zurück ins Hostel und versuchte krampfhaft Kontakt zu Leuten dort zu knüpfen. Zwei Stunder vergeblich Aufwand und totale Ignoranz der Anderen führte fast schon dazu, den Rückflug für den nächsten Tag zu buchen und der Mutter wieder einen Besuch abzustatten. Nun lernte ich kurz vor zwölf - immer noch total übermüdet -Leute kennen und die Geschichte nahm ihren Anfang…